Leseprobe „Tierseelen“

Sie hatte lange gewartet, sehr lange. Und alle hatten gesagt, es sei ganz normal, ganz oft so. Auch die, die Kinder bekommen hatten. Auch die gaben vor, dass alles bei Ihnen genauso gewesen war. Dass sie immer wieder stillgehalten und hingehorcht hatten und in sich hinein gefühlt und gehofft hatten, dass es sich bewegte, dass es sich bemerkbar machte und dass sie dann, wenn scheinbar endlich etwas passierte, unsicher waren, dass das, was sie dann wahrnahmen auch keine Einbildung war, also nur der Wunsch, das Kind zu spüren. Sie alle sagten, sie hätten sich sonderbar gefühlt und sie hätten Angst gehabt, Unruhe und es wäre eben bei jeder anders und die Zeit wäre immer anders und jedes Kind wäre anders. Außerdem: Man könne doch alles sehen auf dem Ultraschallbild, darauf könne man ja alles sehen, es wäre also ganz sicher in Ordnung.

Sie sagte nicht, dass sie nur ein Bild hatte machen lassen und dass sie nur noch einmal hingegangen war, zur Untersuchung. Sie hatte gewusst, dass sie weiter warten musste. Der Augenblick würde kommen, an dem dieses Wesen mit ihr Kontakt aufnehmen würde und dann wüsste sie alles, was sie wissen müsse, das wäre nur eine Frage der Zeit. Und sie wollte die Zeit kennen lernen, schon lange wollte sie es endlich ernsthaft aufnehmen mit der Zeit.

Wie oft war sie ihr feindlich gewesen, hatte sie untergraben, vertröstet, verhöhnt, verraten. Wie oft hatte sie nicht gehalten, was sie versprochen hatte. Wie gleichgültig hatte sie ihr dabei als unsichtbarer Gegner in der Ecke des Zimmers gegenüber gesessen und nur darauf gewartet, dass sie wieder schwach wurde, dass sie wieder begann, die Zeit zu beschimpfen, ihr alle Schuld zu geben, sie zu verachten, nach ihr zu treten, mit all ihren Kräften und nach ihr zu schlagen, mit wilden Armen, die sich doch nur an den eigenen Mauern stießen, die Hände, die schmerzten, weil sie nichts zu fassen bekamen und der ganze Körper dann ermattet liegen blieb, ihrem schweren Schweigen ausgeliefert, diesem Schweigen der Zeit, das sich wie eine Decke aus Blei auf sie legte und jede Flucht verhinderte.

Sie hatte die Zeit nicht einmal lieben können, wenn ihr das erste Tageslicht die Augen öffnete und sie in einen kräftigen Himmel sah, in ein stählernes Blau, das sie zum Tanz forderte, einen klarkalten leuchtenden Wintertag eröffnend, den die Zeit ganz allein ihr geschenkt hatte. Und auch nicht dann, wenn ihr das Jahre ersehnte Wasser endlich zu Füßen lag, das sie schon von der Brücke immer näher fühlte und das, wie ihr zu Ehren, mit immer neuen, jungfräulichen Wellen aufwartete, die ein derart unschuldiger Schaum zierte, dass sie nichts Schöneres mehr wusste, als von ihnen aufgenommen zu werden.

Auch dann hatte sie die Zeit verabscheut. Sie würde ihr all das wieder genommen haben, schneller, als sie soweit gewesen wäre, es tatsächlich für wahr zu nehmen. Bevor sie ein Blau am Himmel umarmen konnte, bevor sie das Meer wirklich in sich aufgenommen hatte, war es schon wieder vorbei.

Die Zeit war ihr nie Freund gewesen. Und doch ahnte sie, ihre einzige Chance zur Versöhnung war diesem Gegner die Hand zu reichen, ihm den Sieg überlassend. Sie konnte den Kampf nur beenden, wenn sie aufhörte zu kämpfen.

Und jetzt, jetzt wurde ihr langsam gewahr, dass dieser Moment ihr keine Wahl gab. Die Zeit würde hier mit einer Absolutheit an der Macht sein, die nicht in Frage stand. Und so sehr sie diese Erkenntnis erschreckte, sie breitete auch eine sonderbar warme Ruhe in ihrem Inneren aus, die sie nicht kannte.

(…)